Mittwoch, 25. September 2013

Rudi Prasse – ein Nachruf

Unser Buchautor Dr. Rudi Prasse.                  © Callunafoto
Er war stets so agil und umtriebig, wirkte bis zuletzt so fit, jugendlich frisch, gesund und dynamisch, dass wir nie Zweifel daran hatten, dass er mindestens 100 Jahre alt werden würde. Umso mehr hat uns jetzt die Nachricht von seinem Tod getroffen. Immerhin 88 Jahre ist er alt geworden, wenngleich das auch kein Trost ist. Tröstlich ist aber, dass unser Autor Dr. Rudi Prasse in seinen Büchern für uns und all seine Leserinnen und Leser weiterlebt. Drei Bände haben wir von ihm in unserem Verlag herausgebracht: "Tierische Beziehungen ...ganz menschlich", "Tiere, Typen, Turbulenzen" und "Frechbacken & Landlavendel". Alle drei Bücher bleiben selbstverständlich weiterhin in unserem Verlagsprogramm.
Rudi Prasse, 1925 in Zittau in Sachsen  geboren, kam als junger Luftwaffen-Soldat in die Südheide – und blieb. Bald war er hier verwurzelt, gründete eine Familie und eröffnete eine Tierarzt-Praxis in Groß Oesingen,.
Wenn der verheerende Krieg nicht gewesen wäre, hätte er mit ziemlicher Sicherheit eine seiner drei Leidenschaften – Malerei, Musik und Literatur – zum Beruf gemacht. Ein Verlagsvolontariat in Berlin hatte er sogar schon begonnen. Aber nach dem Krieg war mit der ohenhin brotlosen Kunst erst recht kein Geld zu verdienen und keine Familie zu ernähren, schon gar nicht auf dem Land. Zwei Jahre hatte er sich schon als Landarbeiter durchgeschlagen, als ihm die Idee kam, Tierarzt zu werden. Tiere gab es reichlich auf dem Land, und krank wurden sie immer wieder mal. Also schrieb er sich an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover ein, studierte Tiermedizin. Später wechselte er den Studienort, ging nach München, wo er 1954 das Staatsexamen ablegte. Kurz darauf eröffnete Rudi Prasse seine Landtierarztpraxis in Groß Oesingen, am 15. Mai 1955 heiratete er seine Frau Elsa, geborene Wolter. 1956 wurden die beiden ersten von drei Töchtern, die Zwillinge, geboren. Nach Feierabend, der bei bei einem Landtierarzt selten ist, weil er immer, oft auch nachts, zu irgendeinen Notfall gerufen wird, begann Rudi Prasse an seiner Doktorarbeit zu schreiben, der 1965 die Promotion folgte.
Als Landtierarzt hatte er es nicht nur mit den Tieren zu tun, sondern auch mit ihren Haltern. Da gab es so manche denkwürdige Begegnung, so manche kuriose Geschichte, die Rudi Prasse abends seinen Tagebüchern anvertraute. Was für die Pferde gut war, konnte auch den Menschen nicht schaden, und so hat der Tierarzt, schon damals ganz dem modernen Dienstleistungsgedanken verpflichtet, nebenbei so manchem Bauern wieder den Rücken einerenkt oder ihm mit Pferdesalbe auf die Beine geholfen.
Zum Jahresende 1990 übergab Rudi Prasse die Tierarztpraxis nach über 35 Jahren seiner Tochter Anja und seinem Schwiegersohn Otto Soujon. Jetzt hatte er endlich Zeit, sich intensiv seinen Leidenschaften (siehe oben) zu widmen. An der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig begann er ein Seniorenstudium der Kunstgeschichte, brachte sich mit zahlreichen Beiträgen in der Literaturwerkstatt der Kreisvolkshochschule in Gifhorn ein und gestaltete im Gfhorner Schloss abendfüllende Programme über Künstler aus den Bereichen Musik, Malerei und Literatur.
Da er seit seiner Jugend akribisch Tagebuch geführt hatte, lag es nahe, die schriftlich festgehaltenen Erinnerungen zu Büchern zu verarbeiten. Humorvoll schilderte er den Arbeitsalltag eines Landtierarztes, blendete aber auch die Kriegszeit nicht aus. Die Kriegserlebnisse hatten ihn zu einem leidenschaftlichen Pazifisten werden lassen.
Ob an der Schreibmaschine und später am Computer, ob am Klavier oder ob an der Staffelei, Rudi Prasse hatte stets den Anspruch, seine Sache perfekt zu machen. Wenn er etwas gemacht hat, dann auch richtig und mit ganzem Einsatz. Dilettantismus war ihm ein Gräuel. Wir werden ihn, der uns immer mit seiner vielfältigen musischen Begabung, mit seinem Witz und mit seinem Scharfsinn fasziniert hat, vermissen. Er war ein blitzgescheiter und zugleich humorvoller "Universalgelehrter", wie man sie heute kaum noch findet, und trotzdem geerdet.
Statt vieler Abschiedsworte, die diesen Menschen doch nur grob skizzieren, aber gar nicht in all seinen Facetten erfassen und beschreiben könnten, hier ein Satz, den Rudi Prasse als Leitwort einem seiner Bücher vorangestellt hat: "Wir alle müssen unser Leben vorwärts leben – aber manches Erlebte begreifen wir erst rückblickend."